Medizingeschichte

Ausschnitte aus der Entwicklung der westlichen Medizin


Urgeschichte

Bereits von Cro Magnon-Menschen und von Neandertalern ist bekannt, dass sie Verletzungen und Krankheiten versorgten. Sicher gab es in den Clans und Sippen Frauen und Männer, die durch ihr Talent, ihre Beobachtungsgabe und ihren Wissensdurst besonders dafür geeignet waren, ihren Mitmenschen bei Krankheiten zur Seite zu stehen und ihnen zu helfen. Die Völkerkunde lehrt, dass dies zum einen die Schamanen waren, die einen besonderen Zugang zur Natur, den Geistern und den Göttern hatten. Aber auch ganz gewöhnliche Menschen mit einer heilkundigen Begabung halfen Mensch und Tier. Im jüngeren Altpaläolithikum und im Mesolithikum, der Mittelsteinzeit, war der Hund der treue und unverzichtbare Jagdbegleiter und Wächter, dem sicher ebenfalls medizinische Hilfe zuteil wurde, wenn er krank oder verletzt war. Die Domestizierung anderer Haustiere erfolgte erst sehr viel später.

Im Neolithikum, in der Jungsteinzeit, nehmen Krankheiten und Verletzungen zu. Das sesshafte Leben hat seinen Preis. Besitz schafft Neider. Es kam zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Viele neolithische Skelette zeigen Spuren eines Kampfes. Viehseuchen bedrohten Mensch und Tier. Das Leben auf dem Feld und im Haus war hart und schlecht für den Bewegungsapparat. Der Rauch in den Häusern verursachte chronische Atemwegserkrankungen. Der Mensch hatte sich abhängig vom Wetter gemacht. Hungersnöte kamen nicht selten vor und zeigen sich besonders in den Wachstumsfugen von Kinderskeletten. Heilkundige Menschen wurden also sehr gebraucht. In der Bronzezeit scheint es den Menschen besser gegangen zu sein. Das Wetter war warm und stabil, doch das änderte sich langsam wieder in der jüngeren Bronzezeit.

Aus der Zeit der Kelten und Germanen sind uns Heilkundige zwar nicht namentlich bekannt, aber wir wissen aus schriftlichen Zeugnissen, dass es sie gab. Im keltischen Bereich übernahmen zum Teil die Druiden die Heilkunde. Aber auch hier gab es im gewöhnlichen Volk weitere Heilkundige. Aus dem germanischen Bereich haben wir weniger Informationen. Die Priester und Priesterinnen werden Heilkunde praktiziert haben, doch es ist anzunehmen, dass es auch hier weise Frauen und Männer gab, die neben ihren Aufgaben auf ihrem Hof als Heilkundige tätig waren.

In der römischen Kaiserzeit wird die Heilkunde der Kelten und Germanen bereichert durch das Wissen der antiken Ärzte im römischen Reich. Das Klima verschlechtert sich im Verlauf dieser Zeit. Es ist mit daran beteiligt, dass ganze Völker in Bewegung geraten und sich auf die Suche nach besseren Lebensbedingungen machen. Eine Zeit der Unruhe, der Kriege und Seuchen beginnt. Eine dunkle Zeit, in der die Heilkunde stagniert und viel Wissen verloren geht. Erst mit Ende der Völkerwanderungszeit kann sich die Heilkunde weiter entwickeln.

Antike

Zu Beginn der klassischen Antike glaubten die Menschen daran, dass Krankheiten Strafen der Götter seien. Folglich waren für Krankheiten die Priester zuständig, die die Götter versöhnen sollten. Lediglich für Verletzungen gab es heilkundige Männer, wie uns Homer lehrt. Sie waren die Kriegerärzte im Trojanischen Krieg. Im 5. Jahrhundert fand ein Umdenken statt. Der berühmte Arzt Hippokrates steht am Anfang der wissenschaftlich orientierten Medizin. Nicht mehr die Götter waren schuld an den Krankheiten der Menschen, sondern man erkannte nun ganz rationale Gründe. Viele Theorien entstanden, etablierten sich oder wurden wieder verworfen. Ein reges medizinisches Schrifttum setzte ein. Neben der wissenschaftlichen Medizin existierte weiterhin die Volksmedizin mit ihren magischen Elementen. Und in den Tempeln des Heilgottes Asklepios waren Priesterärzte tätig, die den Kranken, die durch Schlaf im heiligen Bezirk Genesung suchten, zur Seite standen.

Wurde zu Anfang die Medizin vom Vater an den Sohn und später an einen Lehrling weitergegeben, so entwickelten sich nach und nach Schulen, die Ärzte ausbildeten. In hellenistischer Zeit wurde Alexandria zum Mittelpunkte der Medizin. Die Ptolemäer-Herrscher waren der Wissenschaft sehr zugetan und kannten keine Tabus. Die Kenntnisse über Anatomie und Physiologie nahmen rasant zu. Jeder Arzt, der auf sich hielt und es sich leisten konnte, studierte hier Medizin. Vermutlich waren auch Frauen zugelassen. Eine Studienordnung gab es jedoch nicht.

Die Römer sahen lange die Medizin der Griechen mit Skepsis. Nur langsam konnten griechische Ärzte in Rom Fuß fassen. Erst in spätrepublikanischer Zeit hatten sich die Ärzte in Rom etabliert und genossen Ansehen. Das Spezialistentum entwickelte sich. Es gab Augenärzte, Zahnärzte, Frauenärzte, Ärzte, die sich auf das Starstechen und das Blasensteinschneiden verstanden, Badeärzte und Nieswurzexperten. Viele der Zeitgenossen und Berufskollegen sahen dieses Spezialistentum kritisch und warfen diesen Ärzten vor, nur aufs Geldverdienen aus zu sein. Noch immer gab es keine Ausbildungsverordnung. Der berühmte Arzt Galenos studierte fast zwölf Jahre lang, andere seiner Kollegen nannten sich schon nach sechs Monaten Arzt. Es muss schwierig für die Bevölkerung gewesen sein, die Spreu vom Weizen zu trennen. Sicher ist dies auch ein Grund, warum zur Allgemeinbildung auch medizinisches Wissen gehörte. Übrigens gibt es auch Frauen, die den Arztberuf ausübten, wobei sie sich nicht nur auf die Frauenheilkunde beschränkten. Die meisten Ärzte im römischen Reich waren griechischer Herkunft, daher sind auch die meisten medizinischen Werke in Griechisch verfasst.

In der Spätantike fließen zunehmend Volksmedizin und magische Elemente in die wissenschaftliche Medizin. Eine große Rolle spielen nun auch die Hippiater, die Pferdeärzte. Fassbar werden Tierärzte bereits um etwa 1800 v. Chr. im Alten Ägypten und wenig später im Codex Hammurabi. In griechischer Zeit sind tierärztliche Schriften rar gesät. Erst in römischer Zeit scheint es tatsächlich Ärzte gegeben zu haben, die sich nur mit der Tierheilkunde beschäftigten. Die Veterinäre kümmerten sich in erster Linie um das Nutzvieh und in den Legionen um die Pferde und Maultiere. In der Spätantike stellen die Pferdeärzte einen hoch angesehenen Berufsstand dar.

Mittelalter

Nachdem der dunkle Abschnitt der Völkerwanderungszeit zu Ende war, beginnt im Frühmittelalter die Ära der Klostermedizin. Die antike Medizin hat sich zum großen Teil über die dunklen Jahrhunderte hinübergerettet und entwickelt sich nun, bereichert durch die arabische Medizin, zu einer neuen Blüte. Am Anfang steht Benedikt von Nursia, geboren noch in der unruhigen Zeit des Umbruchs, in der Zeit der Kriege und Seuchen, machte er die Pflege der Kranken zu einem Prinzip seines Ordens. Nach und nach besinnen sich die gebildeten Klosterbrüder und Ordensfrauen auf die antike Heilkunde. Der ‚Macer floridus' aus der Spätphase der Klostermedizin im 12. Jahrhundert macht deutlich, auf welchem hohen Niveau sich die Kräuterheilkunde der Ordensleute befand. Hildegard von Bingen geht noch weiter. In ihren medizinischen Schriften beschreibt die Äbtissin nicht nur zahlreiche Heilkräuter samt ihrer Einordnung in eine Elementenlehre, sondern stellt auch die Heilkraft der Edelsteine, der Tiere und Metalle dar. Auch die Psychosomatik ist Teil ihres Heilsystems. Durch die Klostermedizin wird die Meditation Teil der europäischen Heilkunde.

In Salerno wird im 9. Jahrhundert eine der ersten europäischen, medizinischen Hochschulen gegründet, die übrigens zunächst auch Frauen zugänglich war. Sie steht ganz in der Tradition der wissenschaftlichen antiken Heilkunde. Kreuzfahrer bringen umfangreiches arabisches Wissen mit, das in diese Medizin einfließt. Weitere Universitätsgründungen in Italien und Frankreich folgen.

Nicht zu vergessen ist aber auch die Heilkunde der weisen Frauen und Hebammen, die sich aus der keltischen und germanischen Volksmedizin entwickelte. Diese weisen Frauen wussten um die Krankheiten der Frauen, kannten Verhütungsmittel und Mittel, um abzutreiben, sie mischten Liebestränke und Aphrodisiaka. Sie handelten mit Rauschdrogen und Giftpflanzen, oft mischten sich magische Elemente in ihr Heilwirken. Das alles machte sie natürlich der Kirche suspekt, dennoch waren viele Menschen von ihrem Heilwissen abhängig. Einen Arzt konnten sich nur wenige leisten.

Die hohe Zeit der Klostermedizin endet im Verlauf des Hochmittelalters, als den Mönchen und Ordensfrauen verboten wird, Medizin zu lehren und auszuüben. Davon war insbesondere die Chirurgie betroffen. Die Ordensleute sollten sich wieder auf ihre klösterlichen Werte besinnen und den weltlichen Aufgaben entsagen.

Im Mittelalter entstanden auch die ersten Hospitäler. In der Regel waren sie an die Klöster gebunden.

Paracelsus

Frühe Neuzeit

Weiterhin gab es die in der Tradition der antiken Medizin stehenden Ärzte. Die Erfindung des Buchdruckes machte die Verbreitung der antiken und mittelalterlichen medizinischen Schriften einfacher und einer breiteren Bevölkerung zugänglich. Neues Wissen und neue Ideen verbreiteten sich nun schnell.

Paracelsus brachte im 16. Jahrhundert die Medizin nach der Stagnation im Spätmittelalter erneut einen Schritt vorwärts. In seinen rastlosen Wanderjahren studierte er das Heilwissen auch der Volksmedizin. Die Natur und Gott stellten für ihn die Basis allen Heilwissens dar. Ein Arzt sollte aber auch gleichzeitig Philosoph und Astronom sein und sich mit der Alchemie auskennen. Die Signaturenlehre, also die Ansicht, dass sich aus dem Erscheinungsbild einer Pflanze Rückschlüsse auf ihre Heilwirkung ziehen lassen, wurde von Paracelsus entwickelt.

Ärzte und Künstler griffen wieder auf Sektionen zurück, um mehr über die Anatomie des Menschen zu erfahren. Das war in der Antike nur in wenigen Zeitabschnitten möglich, da die Sektion am Menschen mit einem Tabu belegt war. Auch im Mittelalter, vor allem an den medizinischen Hochschulen, fanden Sektionen statt, wurden von der Kirche aber nicht gern gesehen und zeitweise verboten. Bereits im Mittelalter zeichnete sich die Trennung der akademisch gebildeten Ärzte und Chirurgen von den mehr handwerklich ausgebildeten Wundärzten und Badern ab. In der Renaissance wurde die Kluft tiefer. Erste Ansätze von Berufsverbänden bildeten sich heraus. Frauen waren auf den Universitäten nicht mehr zugelassen. Mit sehr viel Glück fanden sie außerhalb der Hochschulen einen Lehrer, mussten aber bei der Ausübung ihrer Heilkunst stets damit rechnen, angezeigt oder verunglimpft zu werden.

Die Seuchen wie Pest, Fleckfieber und Pocken, die bereits im Mittelalter über Europa fegten, wurden durch eine weitere Geißel ergänzt, die Syphilis, vermutlich eingeschleppt aus der Neuen Welt. Die Hospitäler trennten sich aus ihrem klösterlichen Umfeld und wurden der städtischen Verwaltung unterstellt. Armen- und Altenpflegeheime kamen dazu. Ärzte ließen sich hier nur selten sehen. Sie kamen aus christlicher Nächstenliebe oder, öfter, weil sich jemand fand, der sie dafür bezahlte. Die Volksmedizin lebte fort, aber die weisen Frauen und Hebammen lebten nun gefährlich. Sehr schnell wurde man als Hexe denunziert und der Inquisition vorgeführt. In der frühen Neuzeit brannten in Mittel- und Westeuropa die Feuer. Und nicht nur Menschen brannten, auch viel Wissen aus der Volksmedizin ging verloren. Trotzdem machte die Medizin in vielerlei Hinsicht Fortschritte. Neue Entdeckungen wurden gemacht. Nur war sie gegen die schrecklichen Krankheiten der frühen Neuzeit oft hilflos. Und schließlich wurde sie mehr und mehr vernachlässigt und verkam in den nächsten Jahrhunderten zur Quacksalberei.

Der Tiermedizin ging es nicht anders. Nach der Blüte in der Spätantike erlebte sie eine zweite im Hochmittelalter. Diese Zeit wird als Beginn der Stallmeisterzeit bezeichnet. Doch im Verlauf der Jahrhunderte wurden die Methoden der Behandlung immer brutaler und tierquälerischer. Tierärzte gab es vermutlich kaum noch, die Behandlung der Tiere lag in den Händen der Schmiede, Hirten und des Stallpersonals. Je drastischer eine Methode, umso mehr versprach man sich einen Heilerfolg. Da wurde geschnitten, gebrannt und verstümmelt. Wirklich besser wurde es eigentlich erst mit der Gründung der ersten tierärztlichen Universitäten zu Beginn des 20. Jahrhunderts.